Durch die wilden Berge ohne Handy, GPS, Kompass oder Landkarte

Man sagt, dass die spontanen Aktionen immer die besten sind. Das stimmt auch, allerdings sind sie manchmal auch gefährlich. Eigentlich war ich geschäftlich in Südost-Serbien, an der Bulgarischen Grenze unterwegs. Da aber gerade diese Gegend im Winter ein beliebter Ausflugsort für Skifahrer ist, nahmen wir unsere Mountainbikes mit.  Geplant war nur ein kurzer Ausflug zum höchsten Punkt Serbiens, Midzor. Nach einigen sehr steilen Passagen, mehr schiebend als fahrend, kamen wir auf 2160 m ü. M. Die letzten paar Hundertmeter waren wir in einem Traum. Wir haben uns durch dichte Wolken kämpfen müssen.

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in einer Regenwolke. Es war sehr nass und sehr kalt. Der Wind war sehr stark und wir haben uns gefühlt als wollten wir den Mount Everest besteigen. Es war unmöglich, den höchsten Punkt zu sehen und erst recht war das Erreichen unmöglich. Der Wind war so stark, dass wir nicht einmal stehen konnten.  In solchen Situationen, in solchen Höhen kann man manchmal so etwas wie ein Wind-Auge finden. Das ist eine Stelle am Berg, an der es keinen Wind gibt. Wir haben so eine Stelle per Zufall sehr schnell gefunden. Das war ein irres Gefühl. Wir waren auf einem Podest nicht breiter und länger als 4-5 Meter. Um uns herum tobte der Wind und trug die Wolken. In dem Auge schien sogar die Sonne, obwohl um uns herum überall die Regenwolken folgen. Nach einigen Minuten hatte sich der Wind beruhigt und wir konnten im Eiltempo die Spitze erreichen.

Ich habe meinen Rekord aufgestellt! Das war der höchste Berg, den ich jemals erklommen habe. Ganze 2160 m über dem Meeresspiegel.

Wir wussten, dass es sehr gefährlich war. Die bulgarische Seite des Berges war eigentlich ein sehr tiefer Abgrund und  der Wind konnte jeden Augenblick wieder losgehen.

Wir haben auf die Schnelle einige Fotos gemacht und machten uns auf den Rückweg.

Nach einigen Minuten entdeckten wir ein Schild. Das nächste Dorf sollte nur 10 km entfernt tiefer in den Bergen sein. Da wir auf dem höchsten Punkt waren wussten wir, dass es eigentlich nur Berg weiter den hinunter gehen konnte. Und 10 km sind auch nicht so viel. Wir haben uns spontan dazu entschieden, das nächste Dorf zu erreichen.

Der Weg führte uns zwar durch malerisch schöne Landschaften, immer entlang der sehr steilen Berghänge. Wir hatten schon ab und zu ein mulmiges Gefühl. Das war aber nicht schlimm. Dazu kam, dass der Weg immer schmaler wurde. Man sah auch, dass der Weg fast ausschließlich von Tieren genutzt wird. Meistens sind dort Wildschweine und Wildpferde unterwegs. Nach 10 km war aber das Dorf immer nicht in Sicht. Es war eindeutig, dass wir uns in einem riesigen Bogen von unserem Ausgangspunkt wegbewegten. Kommen wir jetzt auf die Spontanität zurück. Da wir uns spontan für die Verlängerung entschieden hatten, hatten wir keinen Kompass und keine Landkarte, ein GPS hatten wir nur im Handy, das immer leerer wurde und ein Signal zum Anrufen hatten wir auch nicht. Zum Essen hatten wir nur 3 Schokoriegel pro Person. Das Einzige, das wir im Übermaß hatten war Wasser. Man findet unterwegs sehr viele Quellen mit trinkbarem Wasser.

Wir gingen trotzdem weiter.  Nach 13 km war aber Weg komplett bewachsen und es gab kein Durchkommen ohne erheblichen Kampf mit der Natur. Die Nachmittagsstunden waren schon angebrochen und wir wussten dass uns, sollten wir weitergehen, die Nacht erwischen könnte.

Das hätte fatale Folgen. Zum einen fällt die Temperatur sehr tief und es regnet oft nachts. Einen Schutz dagegen hätten wir nicht finden können, da es hier oben fast nur Wiesen gibt. Dazu kommen die wilden Tiere die es dort gibt. Es sind keine geringeren als Wölfe.

Die Entscheidung war sehr einfach und wurde schnell getroffen. Wir kehrten auf demselben Weg zurück.

Es waren am Ende 42 km Wegstrecke über Berge, die man nicht so leicht vergessen kann. Durch Natur, die in Europa mit Sicherheit einmalig ist.

Als wir nach Hause kamen und einen Blick auf die Karte warfen haben, sahen wir, dass wir ganze Zeit auf dem richtigen Weg waren. Es waren aber nicht 10 km sondern über 30 km bis zum nächsten Dorf. Unsere Entscheidung umzukehren war also sehr richtig.

Da wir keine Ausrüstung dabeihatten und sehr schlecht vorbereitet waren, hat uns die Spontaneität reichlich Erfahrung gebracht. Auf einer Seite hatten wir Angst und unser Risiko war recht hoch. Auf der anderen Seite den Weg zu finden und sich zu orientieren, ohne alle diese modernen technischen Mittel von heute gehört langsam zum vergessenen Wissen aller Abenteurer. Durch unsere Reise haben wir genau dieses Wissen wieder entdeckt.

Eins ist aber klar, ich werde auf jeden Fall wieder in diese Berge fahren. Alle, die etwas ganz Besonderes erleben und mitkommen wollen, sind willkommen.

   

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