Wir haben vergessen „normal“ zu sein

Vielleicht ist es eine Eigenschaft des Älter-werden-Prozesses, das Neue als „nicht normal“ und das Alte als besser zu sehen.

Man wird vielleicht einfach unflexibel und mag keine Veränderung mehr. Man klammert sich vielleicht mit zunehmendem Alter an alte Gewohnheiten und möchte sie nicht verlieren. Als ob man Angst hat, dadurch auch ein Stück der eigenen Persönlichkeit zu verlieren.

Dann wiederum entdecke ich mit meinem zunehmenden Alter Veränderungen, die bereits stattgefunden haben. Und das, obwohl ich sie als „nicht normal“ sehe.

Ich bin jetzt auch so ein Mensch, der, wenn er in den Aufzug kommt, „guten Morgen“ sagt und bereits in dem nächsten Augenblick sein Handy aus der Tasche holt. Fast unbewusst schaue ich dann auf das Display und prüfe, ob es etwas „Neues“ gibt. Wir sind dabei im Aufzug, also in einem Schacht aus massiven Beton und Stahl! Es gibt fast keinen Aufzugschacht auf der Welt, in dem man Netzempfang hat. Auch wenn es in den Sekunden vor dem Eintreten in den Aufzug etwas Neues gegeben hätte, hätte ich es trotzdem nicht sehen können.

Dennoch schaue ich sehr beschäftigt und interessiert auf mein Handy und analysiere das nicht-Vorhandensein von Nachrichten. Die Sekunden vergehen, Minuten vergehen und ich komme an. So langsam packe ich mein Handy wieder ein.

„Auf Wiedersehen!“ werfe ich noch in den Aufzug hinein, denn ich weiß, was sich gehört.

Warum machen wir das?

Ist es so, dass wir vielleicht ein Signal der Art „Ich bin sehr beschäftigt, sprecht mich bitte nicht an!“ senden wollen? Wollen wir uns absichtlich von anderen isolieren, nicht kommunizieren und alleine in den eigenen Gedanken sein, und nutzen dazu geschickt die neue Technologie?

Sie ermöglicht uns genau das.

Ich kann alles online bestellen ohne das Haus zu verlassen. Demnächst verläuft sogar die Lieferung menschenlos, per fliegende Drohnen.

Ich kann online studieren und arbeiten.

Jugendliche treffen sich zum online-Spielen, sprechen sich mit „Nicknames“ an und schauen gegenseitig ihre Avatare an.

Wir schreiben lieber WhatsApps als zu telefonieren.

Die Technik macht es möglich, die Frage ist nur, ob das die Richtung ist, in die wir uns entwickeln wollen.

   

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